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Beispiel Wahlkampfrede (mit Verbesserung)

Aus aktuellem Anlass analysieren wir heute die CDU-Musterrede im NRW-Landtagswahlkampf.

Mit Musterreden kann man keinen Erfolg erzielen, jede Wahlkampfrede muss individuell sein – doch ist die Musterrede der CDU wenigstens eine brauchbare Vorlage?


Schauen wir uns den entscheidenden Part an: den Anfang.

Hier entscheidet der Zuhörer, ob es sich lohnt, weiter zuzuhören – oder ob er sich lieber Tagträumen hingibt.

Kurzum: Am Anfang muss der Zuhörer gewonnen werden!

Wie sieht nun der Anfang dieser Musterrede aus?

Die Rede beginnt wie folgt:

[Anrede]

Es geht in diesem Jahr um eine Richtungsentscheidung in Nordrhein-Westfalen.

Es geht um Sicherheit und Stabilität mit der CDU und Jürgen Rüttgers oder Chaos mit Rot-Rot.

Es geht darum, ob wir eine Politik für die Mitte unserer Gesellschaft machen oder ob diese Mitte von Rot-Rot-Grün im Stich gelassen wird – die Familien, die Mittelständler, die Arbeitnehmer, die Menschen, die morgens früh aufstehen, hart arbeiten und den Wohlstand für alle erarbeiten, die ältere Generation, auf deren Leistung wir heute aufbauen.

Hand aufs Herz:

Würden Sie als Zuhörer hier gespannt sein, wie die Wahlkampfrede weitergeht?

Würden Sie wirklich weiter zuhören wollen?

Eher nein. Hand aufs Ohr!

Die schlimmsten Fehler in der Übersicht:

[Anrede]

Die „Anrede“ ist der erste Atemzug der Rede. Ein extrem wichtiger Teil!

Diesen Satz ganz ins Belieben des Redners zu stellen, ist ein häufiger Fehler von Redenschreibern.

Beweis gefällig?

Als ein Landtagskandidat die Wahlkampfrede in der Praxis vorgetragen hat - welche Anrede hat er gewählt?

Sehr geehrte Damen und Herren

Eine schlechte Anrede - da unpersönlich.

In jeder Anrede sollte mindestens einmal das emotionale Wort „Liebe“ vorkommen. Etwa so:

Sehr geehrte Damen und Herren –
liebe Freunde/Gäste/Zuhörer!

Der Redner hat als zweiten Satz auch noch sein schwächstes Argument vorgetragen:

Für mich ist es das erste Mal, dass ich für den Landtag in Nordrhein-Westfalen kandidiere.

Ein Beweis mehr, dass wir als Redenschreiber unsere Redner 100-%ig betreuen müssen. Mit Musterreden geht das nicht.


Weiter im Rede-Text:

Es geht in diesem Jahr um eine Richtungsentscheidung in Nordrhein-Westfalen.

Der erste Inhaltssatz der Wahlkampfrede.

Er soll zum Weiterzuhören animieren – für Aufmerksamkeit sorgen.

Tut er das?

Nein!

In jedem Wahlkampf geht es um Richtungsentscheidungen.

Ein x-beliebiger Satz, eine Phrase, die in jedem Wahlkampf überall auf der Welt gesagt werden könnte!

Nagelprobe: Ersetzen wir „NRW“ durch „Burkina Faso“ – und trotzdem klappt der Satz:

Es geht in diesem Jahr um eine Richtungsentscheidung in Burkina Faso.

Typisch Musterrede.

Definitiv lädt der Anfangssatz nicht dazu ein, der Rede weiter zu lauschen.


Die nächsten Sätze müssten nun diese wichtigste Aufgabe eines jeden Rede-Anfangs erfüllen.

Tun sie das?

Die CDU-Redenschreiber setzen immerhin eine rhetorische Figur ein, die Repetitio (Wiederholung):

Es geht in diesem Jahr um eine Richtungsentscheidung in Nordrhein-Westfalen.

Es geht um Sicherheit und Stabilität mit der CDU und Jürgen Rüttgers oder Chaos mit Rot-Rot.

Es geht darum, ob wir eine Politik für die Mitte unserer Gesellschaft machen …

Immerhin. Besser als nichts.

Fraglich nur, ob der wiederholte Satzteil sinnvoll ist:

… es geht … um …
… es geht um …
… es geht darum …

Taktisch klug wäre es, sinnvolle Schlagwörter zu repetieren!

Was könnte das im obigen Beispiel sein?

Ausgehend von dem Satz „Es geht um Sicherheit und Stabilität mit der CDU ..." könnte man wählen:

Sicherheit und Stabilität …
Sicherheit und Stabilität …
Sicherheit und Stabilität …

Die Aufgabe an die Redenschreiber hätte also gelautet:

Bilde drei Anfangssätze mit diesen positiven Begriffen.

Deutsche Politiker tendieren allerdings amateurhaft zu negativen Begriffen. Kein „Yes, we can!“ Ausnahmen wie die „blühenden Landschaften“ bestätigen die traurige Regel.

Man hätte als deutscher Politiker also eher „Chaos mit Rot-Rot“ bevorzugt:

Chaos mit Rot-Rot durch …
Chaos mit Rot-Rot wegen …
Chaos mit Rot-Rot, weil …

Das wäre schon erheblich besser, wenn ich die Repetitio einsetze.

Aber zurück zur wichtigsten Frage:

Kann der Anfang überzeugen und zum Weiterzuhören animieren?

Schauen wir uns also den zweiten Satz genauer an.

Er stellt bereits die letzte Chance des Redners dar – denn nach Anrede und erstem Satz ist es schon der dritte Satz der Rede.

Einen vierten Satz wartet heutzutage kein Zuhörer mehr ab.

In Zeiten von Zapping und schnellem Rumklicken im Netz ist die Aufmerksamkeitsspanne begrenzt – genauer:

Die Zeit, die ich als Konsument einem Angebot einräume, bevor ich entscheide: „Gefällt es mir - oder nicht?“

Also, der schon entscheidende Satz lautet:

Es geht um Sicherheit und Stabilität mit der CDU und Jürgen Rüttgers oder Chaos mit Rot-Rot.

In der Systematik von Wolf Schneider gesprochen, nutzen die Redenschreiber hier (bewusst oder zufällig …) die Anfangstaktik „mit Unheil drohen“.

Grundsätzlich eine gute Idee. Die Rede droht das Unheil „Chaos“ an und sorgt damit für Aufmerksamkeit.

Die miserable Formulierung verschenkt jedoch die gute Idee:

Es geht um Sicherheit und Stabilität mit der CDU und Jürgen Rüttgers oder Chaos mit Rot-Rot.

„Und … mit … und … oder … mit ..?“

Wie bitte?

Worum geht es denn nun?

Der Satz ist relativ kurz – aber schwer verständlich.

Dafür sorgt auch eine Überdosis Substantive:

Es geht um Sicherheit und Stabilität mit der CDU und Jürgen Rüttgers oder Chaos mit Rot-Rot.

Bis auf „Jürgen Rüttgers“ sind sämtliche Substantive abstrakt – erfordern also eine besondere geistige Anstrengung in der mentalen Abbildung.

Also, worum geht es? Um Sicherheit … oder Chaos?

Genau das ist die Frage – die auch als rhetorische Frage formuliert werden sollte!

Etwa so:

Die Frage lautet:
Sicherheit und Stabilität mit der CDU und Jürgen Rüttgers – oder Chaos mit Rot-Rot?

Jetzt das Ganze bitteschön verbal formulieren. Es geht hier … immerhin um eine Rede!

Also:

Wollen wir Sicherheit und Stabilität mit der CDU und Jürgen Rüttgers – oder Chaos mit Rot-Rot?

Weiterhin besteht die Problematik „und … mit … und … oder … mit …“

Erste Hilfe? Wiederholen wir zur besseren Verständlichkeit die Frage im zweiten Satzteil:

Wollen wir Sicherheit und Stabilität mit der CDU und Jürgen Rüttgers – oder wollen wir Chaos mit Rot-Rot?

So. Jetzt ist die Idee fast schon herausgearbeitet:

Wollen wir Chaos mit Rot-Rot?

Der Redner droht, erstens, mit Unheil – und, zweitens, provoziert er geschickt (da die Frage von den Zuhörern als Zumutung empfunden wird).

Ergo: Gleich zwei emotionale Aktivatoren für die Zuhörer!

Das wäre ein Anfangssatz, der einigermaßen für Aufmerksamkeit sorgt. Aber man könnte es natürlich viel besser machen.

Fazit: 

Eine schlechte Musterrede, die schon am Anfang versagt. Finger weg!



(...)